Wahre Geschichten

Ruinen in Berlin

Als wir eine Straße in Berlin - Prenzlauer Berg entlanggingen, sagte mein Vater zu meiner Mutter, oder war es meine Mutter zu meinem Vater, "Jetzt ist der Krieg schon 15 Jahre her, und die Ruinen stehen immer noch." (also 1960). Prenzlauer Berg war im Großen und Ganzen erhalten, nur einzelne Gebäude in den Häuserreihen waren von Bomben zerstört worden. Wir wohnten in der Winsstraße nahe der Dimitroffstraße. Zwischen Jablonski- und Chodowieckistraße gab es einen sehr großen Ruinenspielplatz. Dort gab es einen großen Buddelkasten mit Bänken für die Eltern, ein Klettergerüst und noch mehr. Darum herum ragten die Ruinen in den Himmel. Außer mir spielten dort hunderte Kinder. Ich fand damals, Ruinen waren das Normalste von der Welt.
Später wurde das Grundstück aufgeräumt und eine Kindereinrichtung, ein Flachbau mit Garten, hineingebaut. Seitdem gab es bis 1990 keinen einzigen Kinderspielplatz mehr in dem Viertel um die Winsstraße herum.

Vertraue keiner Versuchsreihe, die du nicht selbst gefälscht hast

Ich studierte an der Humboldt-Universität Physik. Im dritten Studienjahr gab es das Fach Experimentalphysik. Wir hatten Experimente durchzuführen und dazu Aufbauten von elektrischen Bauteilen mit Krokodilklemmen zusammenzustecken. Diese Übungen wurden von einem Assistenten beaufsichtigt.
Ich mußte feststellen, das einige Studenten um mich herum ihre Meßwerte fälschten. Die Meßwertwolke war ihnen nicht gut genug - sie paßten sie so an, daß der zu messende Effekt deutlicher hervortrat. Ich sagte "Warum macht Ihr das ?" Es gab keinerlei Zwang oder Druck, das zu tun. Es gabe auch keine Zensur dafür, jedenfalls nicht für die gemessenen Werte. Ich würde sagen, es war einfach vorauseilender Gehorsam.
Seitdem weiß ich, was "wissenschaftlich geprüft" bedeutet.

Verhaftung im Morgengrauen

Am 05.Februar 1974 klingelte es morgens kurz nach 6:00 Uhr an unserer Tür. Wir schliefen noch - ich wanderte zur Tür und öffnete. Neun Männer mittleren Alters standen davor und zeigten ihren Ausweis: "Staatssicherheit". Ich versuchte, die Tür wieder zu schließen, zwecklos, einer hatte schon den Fuß in der Tür. Sie wollten meinen Mann mitnehmen. Während der sich anzog, warteten sie. Genauso war es in dem gerade im RIAS verlesenen "Archipel Gulag" von Solshenizyn beschrieben worden. Dann gab es eine Hausdurchsuchung, zu der eine Nachbarin als Zeugin geholt wurde. Monate später wurde mein Mann wegen Staatshetze und Staatsverleumdung zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Gerichtsverhandlung war unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Eigentlich war nichts vorgefallen. Die Vorwürfe waren belanglos oder stimmten nicht. Zwei Freundinnen erzählten, sie seien unter Androhung, ihren Studienplatz zu verlieren, zu einer Falschaussage gedrängt worden (er hätte ein Gedicht vorgetragen, das stimmte aber nicht).
Die Folgen:
Ich mußte ein Jahr später mein Studium ohne Diplom beenden - mein Mann sollte in den Westen überführt werden. Ich hatte schon ein Jahr am Diplom gearbeitet. Bis dahin war ich als junge Mutter sehr unterstützt worden. Meine Schwiegermutter verlor ihren Arbeitsplatz bei der Polizei und arbeitete seitdem in einer Fabrik.

Wie ich eine tote Ente kaufte

Einmal hatte ich im Wild- und Geflügelladen eine Wildente mit Federn gekauft, um sie zu Hause zu rupfen und auszunehmen. Auf dem Postamt in der Lindenstraße in Berlin-Köpenick hatte ich noch etwas zu erledigen. Den Stoffbeutel mit der in Papier eingeschlagenen Ente ließ ich aus Versehen dort liegen. Eine Stunde später merkte ich es, ging zurück in die Post und fragte, ob dort ein Stoffbeutel gefunden worden sei. „Ja“, sagte die Frau am Schalter. „Wir haben in den Beutel hineingesehen, das Papier auseinandergeschlagen und uns so erschrocken – daß wir den ganzen Beutel in den Mülleimer geworfen haben.“ Sie sagte mir, in welchen Mülleimer. Es war ein großer Behälter mit Papierabfällen. Ich suchte den Beutel heraus und hatte meine Ente wieder.

Wie die kleinen Mädchen auf dem Hausdach balancierten

Wir wohnten in Berlin, Prenzlauer Allee 6 in einem Altbau, Seitenflügel, 5. Stock. Darüber war nur noch der Dachboden. Quer über den Hinterhof war die Wäscheleine gespannt, von unserem Fenster zu dem unserer Nachbarn gegenüber. Sie lief über Rollen.
Im Hof hatte sich seit längerem eine Gruppe 5-6 kleiner Mädchen zusammengefunden. Als ich einmal aus dem Fenster heraus Wäsche aufhängte, hörte ich die Stimmen der Mädchen. Dann sah ich das erste Mädchen, Marianne, mit ausgebreiteten Armen auf der Spitze des Daches daherkommen. Wahrscheinlich lag dort das Brett für den Schornsteinfeger. Die anderen waren noch nicht in meinem Gesichtsfeld. An den Stimmen hörte ich aber, daß alle Mädchen dort oben waren, auch meine Tochter Ulrike. Was sollte ich tun, sie anrufen, so daß sie sich vielleicht erschreckten und herunterfielen ? Aber da hatte Marianne mich schon gesehen, winkte und rief: "Hallo Frau Müller!" Jetzt konnte ich rufen: "Macht sofort, daß Ihr da herunter kommt !" Und die Mädchen balancierten zurück und kamen herunter. Aber der Schreck sitzt mir noch heute in den Gliedern.

Sind Sie Pleite ?

In den 90er Jahren lernte ich einen jungen Mann kennen, dessen Geschäftsmodell es war, Leute in der Pleite zu beraten. Er gab Annoncen in den Tageszeitungen auf mit sinngemäß dem Inhalt Droht Ihnen eine Insolvenz ? Ich helfe Ihnen, Ihr Geld zu retten. Unternehmensberatung sowieso, Tel.nr. usw. Das erschien regelmäßig, ob täglich oder wöchentlich, weiß ich nicht mehr. Es kamen dann auch Leute, die sich beraten ließen.
Ich verrate hier niemanden, denn es stand in der Zeitung. Jeder konnte es lesen. Ich staunte sehr, daß nicht am nächsten Morgen die Polizei vor der Tür stand. In der DDR war ich an flächendeckende Überwachung gewöhnt gewesen. Im Westen konnte öffentlich zu Straftaten aufgerufen werden, es störte niemanden. Wahrscheinlich annoncieren auch Auftragsmörder ....

Schreiben Sie sich ihr Zeugnis selbst

Zweimal habe ich erlebt, daß ich ein Unternehmen verließ, und daß mein jeweiliger Chef mir sagte: Schreiben Sie sich ihr Abschlußzeugnis selbst. Ich hielt das für eine geringe Wertschätzung meiner Person. In DDR-Zeiten war es mir nie passiert.
Als ich das neulich auf einer Party erzählte, erzählten alle, oder fast alle Anwesenden, sie hätten das schon öfter zu hören bekommen. Daraufhin hätten sie es auch selbst geschrieben. Eine Bekannte wollte mir eine Adresse geben, wo man für 30.-€ das gewünschte Zeugnis bestellen könnte.

Christine Müller 11.07.2013